Der betäubende Geruch von Weiß

Der betäubende Geruch von Weiß

Ein Stück über van Gogh

Von Stefano Massini
Übersetzung: Sabine Heymann

Deutschsprachige Erstaufführung

Bühne, Kostüme: Gesine Mahr und Marie Freihofer 

Premiere am 02. Oktober 2021

Wer jemals ein Bild von van Gogh gesehen hat, wird es nicht vergessen. Mit ihm erlebt man die Explosion der Farbe über Kornfeldern, das flirrende Schillern des Lichtes in Sonnenblumen, das Funkeln der Sterne über einer Spelunke und das flammenartige Lodern der Zypressen in einem Sommer Südfrankreichs. Die Farben des Sommers wird man nicht wieder vergessen und sie in jedem Sommer, den man selbst erlebt hat, wieder suchen. Van Gogh lehrt Farben sehen und man will sein Schüler sein.

 

Massinis Stück zeigt van Gogh nach seinem geistigen Zusammenbruch in einer psychiatrischen Anstalt. Um ihn herum keine Farben – nur Weiß. Für jemanden, der Farben erlebt wie er, ist das eine Folter. Für Zuschauer, die ihn dort erleben, entsteht der Wunsch, dass der betäubende Geruch von Weiß bald verschwinden möge, damit er uns das wieder bringen kann, was er am besten kann: Farbe. Und mit der Farbe alles, was wir uns von einem Sommer wünschen. Massini ist eine der wichtigsten Stimmen im italienischen Theater, dem es in diesem Stück gelingt, eine bewegende Künstlergeschichte zu erzählen, die darum ringt das zu bewahren, was wir alle brauchen: Die lebendigen Farben, die uns das Leben lebenswert machen.

 

Stefano Massini

Stefano Massini, 1975 in Florenz geboren, ist ein italienischer Romanautor, Essayist und Dramatiker. Sein erfolgreiches Stück „Lehman Brothers – Aufstieg und Fall einer Dynastie, erregte große Aufmerksamkeit, wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und international von renommierten Regisseuren aufgeführt. Für „Der betäubende Geruch von Weiß“ bekam er 2005 in seinem Heimatland den Premio Pier Vittorio Tondelli, die höchste Auszeichnung für Theaterautoren in Italien. Es ist uns eine ganz besondere Freude dieses Stück zur deutschsprachigen Erstaufführung auf die Bühne zu bringen.

 

 Diese Produktion wurde gefördert im Impulsprogramm „Kunst trotz Abstand“ des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg  

Forum Theater „Der betäubende Geruch von Weiß

Mit Wahn und Wirklichkeit setzt sich am Forum-Theater das starke Kammerstück „Der betäubende Geruch von Weiß“ auseinander.

So hat das Publikum die Bühne im Forum-Theater noch nie gesehen. Alles weiß. Die Wände, das Bett, die Anstalts­kleidung, die der Protagonist mit dem ­zerzausten Haarknödel trägt. Es ist Vincent van Gogh. Und Weiß macht ihn kaputt. Er ­rebelliert. „Der betäubende Geruch von Weiß“, die deutschsprachige Erstaufführung von Stefano Massini am Wochenende im ­Forum-Theater, erzählt am exemplarischen Beispiel des Malers Vincent van Gogh von essenziellen Bedürfnissen des Menschen.

Sadistische Bestrafung statt heilender Therapie, lebloses Weiß statt satter Farben: Das ist die Situation Ende des 19. Jahrhunderts in der psychiatrischen Klinik St. Paul in Saint Remy de Provence, in die der Maler Vincent van Gogh gerät. Stefan Maaß spielt den Künstler mit höchster Intensität. In einer atemberaubenden, thrillerhaften Szene konfrontiert er den zynischen Stationsarzt (Udo Rau) mit seiner Verzweiflung: Er hält ihm eine Schere an den Hals. Der hatte vorher ein mit Ruß gezeichnetes Porträt entdeckt. Doch hier ist alles verboten: lesen, malen, leben. Es dominiert eine Leere, die verrückt macht. Der Psychiater zerschneidet die Zeichnung. Jetzt wendet sich die ins Negativ gerichtete Vitalität eines Menschen, dem alles genommen wurde, was er zum Leben braucht, gegen ihn.

Mit dem ärztlichen Direktor kommt Hoffnung in die Inszenierung. Michael Ransburg spielt ihn als Lichtgestalt moderner Psychiatrie: intellektuell auf Augenhöhe mit dem Patienten, emotional zugewandt. In Gegenwart van Goghs ergreift er gegenüber dem sadistischen Stationsarzt Partei für den Künstler und lässt keinen Zweifel daran, dass die Zeit konservativer psychiatrischer Verfahren inklusive priesterlichen Exorzismus bald vorbei sein wird. Per Hypnose führt der Mediziner van Gogh in die Kindheit zurück.
Maaß verdreht seinen Körper auf dem Boden, wendet sein Inneres nach Außen. Videoprojektionen auf der Bühnenrückwand deuten Schwerelosigkeit an. Wiederholt hat van Gogh seinem Bruder Theo (Stefan Müller-Doriat) bei dessen Besuch beklagt, der Faden seines Leben sei zerrissen.

Der italienische Autor (schon sehr erfolgreich mit „Lehman Brothers – Aufstieg und Fall einer Dynastie“) hat kein autobiografisches Stück geschrieben, Sabine Heymann übertrug es in die deutsche Sprache. In „Der betäubende Geruch von Weiß“ geht es um Wahn und Wirklichkeit, Kunst und Leben, Wahrheit und Täuschung. Regisseur Christof Küster entwickelte aus der literarischen Vorlage gemeinsam mit dem Ensemble ein starkes assoziatives Kammerstück. Das Premierenpublikum verstand und applaudierte heftig.

Brigitte Jähnigen; StZ/StN, 05.10.2021