Der Richter ist selbst Täter
„Der zerbrochene Krug“ erzählt von Machtmissbrauch und Übergriff – das Forum Theater spielt das Stück textgetreu mit starken Darstellern.
Thomas Morawitzky
Lange steht sie am Rande der Bühne und spricht, gequält, mit zitternder Stimme, erzählt, wie er spät abends zu ihr kam: „Ich sag, lass er die Hand mir weg, was will er? – ‚Ich glaube wohl, du bist verrückt!‘, spricht er.“ Eve ist verzweifelt. Hinter ihr liegt der Richter Adam unterm Tisch, Arme, Beine von sich gestreckt, sichtlich lädiert. Noch weiter hinten, im Halbdunkel der Kulisse, steht regungslos der Schreiber Licht und wartet. Der Prolog endet, das Schreckliche ist ausgesprochen, das Lustspiel kann beginnen: Das Forum Theater spielt „Der zerbrochene Krug“.
Der „Krug“ erzählt von männlichem Machtmissbrauch
Vor rund 220 Jahren brachte Heinrich von Kleist ein Thema auf die Bühne, das seither nicht an Relevanz verloren hat, heute besondere Aufmerksamkeit erfährt: „Der zerbrochene Krug“ erzählt von männlichem Machtmissbrauch. Der Richter, der hier urteilen soll, ist selbst der Täter, täuschte der Eve vor, ihr Verlobter solle als Soldat nach Indien geschickt werden, werde kaum zurückkehren. Um ihn zu retten versprach er ihr ein ärztliches Attest zu beschaffen, bestand darauf, es ihr persönlich zu übergeben, wenn er sie, zu ungewöhnlicher Stunde, in ihrer Kammer besuchte: „Der zerbrochene Krug“ erzählt von sexuellem Übergriff. Ruprecht, Eves Verlobter, störte den Lüstling auf, verjagte ihn – und der Richter zerbrach dabei den Krug, lädierte sich selbst den Kopf, verlor seine Perücke und zog, mit seinem Klumpfuß, eine Spur durch den Schnee, als wär er der Leibhaftige.
Kleists Drama zum Vehikel der Metoo-Debatte zu machen, hieße, den Text in seiner Vieldeutigkeit zu beschneiden. Das Forum Theater lässt sich darauf nicht ein – es spielt den „Krug“ streng am Text, gibt der Nähe von Schmerz und Komik, Recht und Unrecht im Stück, der Zeichnung der dörflichen Charaktere die größtmögliche Wirkung. Einen unmittelbaren Bezug zur Gegenwart schafft nur Marcel Keller, der die Darsteller einkleidete, wie alltägliche Menschen von heute – Ruprecht trägt eine Jeansjacke, Licht einen Anzug. Das Bühnenbild, in Schwarz und Weiß und Rot gehalten, deutet mit zerschnittenen Papierbahnen an, dass etwas im Verborgenen liegt, bleibt aber abstrakt. Auf der Bühne nur der Tisch des Richters und einige Stühle, alles in leuchtendem Rot.
Der Vergewaltiger hat die Lacher auf seiner Seite
Dieter Nelle als Regisseur gestattet sich den Kunstgriff, Eves Monolog aus der so genannten Variant-Version des 12. Aufzuges, die Erstfassung der Schlussszene, dem Stück voranzustellen. Das Publikum kennt die Auflösung des Falles also von Anfang an. Die Strategie des Stückes geht dennoch auf: Die Zuschauer amüsieren sich herzlich über den Übeltäter, der sich da windet, über seine Ausflüchte, seine Dreistigkeit. Der Vergewaltiger hat die Lacher auf seiner Seite.
Marcus Calvin spielt den Richter, selbstgefällig, unverschämt, albern und reichlich frech: Ein höllischer Popanz, der den Mund aufreißt, ein bisschen gackert, sich in Zweideutigkeiten ergeht, sich das Gesetz zurechtbiegt, wie es ihm gerade passt, und der sich sehr, sehr sicher wähnt. Wäre da nicht Gerichtsrat Walter, der im Dorfe weilt, um die Bücher des Gerichts zu prüfen. Ifran Kars gibt ihn elegant, erst noch zurückhaltend, dabei sehr wach und scharfzüngig. Als er zum Richter schließlich sagt: „In Ihrem Kopf liegt Wissenschaft und Irrtum geknetet, innig, wie ein Teig, beisammen“, hat der juristische Lustmolch schon verspielt. Aber er will es noch nicht glauben.
Jochanah Mahnke, ganz zu Beginn im Fokus, dann immer bedrängt und stumm am Rande, schafft ausdrucksstark das Gegengewicht zur Komik. Schirin Brendel gibt Marthe, Mutter von Eve, der Besitzerin des zerbrochenen Kruges, einer traditionsbewussten, von Wut gepackten Frau, enormes Gewicht. Karlheinz Schmitt indes als Schreiber Licht hält sich sarkastisch hüstelnd im Hintergrund und lauert auf den Posten des Richters. Christopher Wittkopp als Ruprecht, Eves Verlobter, ist ebenfalls wütend, vom ersten Augenblick an. Schließlich erscheint Caroline Sessler auf der Bühne, als Frau Brigitte, die Zeugin, die aufgeregt von Dingen spricht, die der Richter gar nicht hören will. Plötzlich herrscht Chaos, der Richter ergreift die Flucht, wird wieder eingefangen.
Eve und Ruprecht lehnen sich zuletzt stumm aneinander. Marthe Rull, den zerbrochenen Krug in ein Tuch gewickelt, wird sich an die nächste Instanz wenden.
Stuttgarter Zeitung, 06.02.2026