Premiere am 05. Oktober 2024

Ein Sommernachtstraum

Von William Shakespeare

Deutsch von Jürgen Gosch, Angela Schanelec und Wolfgang Wiens

Mit Schirin Brendel, Hannah Jasna Hess, Mariam Jincharadze, Gundi-Anna Schick, Stefan Maaß, Christian Streit, Christopher Wittkopp
Regie: Dieter Nelle
Ausstattung: Marcel Keller

Das vielleicht schönste Stück Shakespeares jetzt endlich bei uns.

Vor einem Todesurteil rettet sich Hermia mit ihrem geliebten Lysander in den Wald von Athen, gefolgt von Demetrius, der sie verehrt, der wiederum verfolgt wird von Helena. In genau diesem Wald aber haben einige Handwerker Unterschlupf gesucht, um ein Stück für die Hochzeit des Fürsten zu proben. Und in eben diesem Wald sind auch die Feenkönigin Titania und der Feenkönig Oberon untergekommen. Titania und Oberon liegen heftig miteinander im Clinch. Und Oberon beschließt Titania mit einem Liebestrank zu verzaubern. Das hat weitreichende Folgen …
Alles wirbelt durcheinander: das Begehren, die Geschlechter, das Spiel im Spiel – und alles sucht eine neue Balance. Wie im echten Leben.

»Es wäre noch viel mehr zu sagen, aber in aller gebotenen Kürze noch der Rat: Hingehen!« StZ, 06.10.24

Fotos von Sabine Haymann

„Ein Sommernachtstraum“ im Forum Theater
Geschlechtertausch im Zauberwald

Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ gehört zu den schönsten Texten der Theaterliteratur. Dieter Nelle passt das Stück im Forum Theater sanft an den Zeitgeist an – subversiv ist das nicht, aber schön.

Kathrin Horster

Es ist nicht leicht, den Überblick zu behalten in William Shakespeares wild verwickelter Komödie „Ein Sommernachtstraum“: Hermia liebt Lysander, doch Egeus, Hermias Vater, will, dass seine Tochter Demetrius heiratet. Der wiederum ist der Schwarm von Helena, die Demetrius aber partout nicht leiden kann. Egeus bittet Theseus, den Herzog von Athen, um ein Machtwort. Weil der bloß seine Hochzeit mit der von ihm unterworfenen Amazone Hippolyta im Kopf hat, schickt er Hermia weg, mit der Auflage, sich ein paar Tage zu bedenken.
Hermia, Lysander, Helena und Demetrius flüchten in den Wald von Athen, um die Köpfe frei zu bekommen. Dort probt eine Truppe von Handwerkern die „lustige Tragödie“ von Pyramus und Thisbe, um damit Theseus’ Hochzeitsgesellschaft zu beeindrucken. Weder die Liebenden noch die
Handwerker haben bedacht, dass der Wald dem Elfenherrscherpaar Oberon und Titania gehört, das sich gerade hart um ein Adoptivkind zankt. In diesem Kuddelmuddel turnt und zaubert der Waldgeist Puck herum, und macht das Chaos perfekt. 27 Rollen für ein siebenköpfiges Ensemble Obwohl das virtuos konstruierte Denksportstück aus dem Jahr 1596 die Aufmerksamkeitsspanne hibbeliger Smartphone-Nutzer von heute überstrapaziert, gehört es nach wie vor zu den Dauerbrennern auf den Bühnen. Aktuell ist es in einer schönen Inszenierung von Dieter Nelle im Stuttgarter Forum Theater zu sehen. Auf nackter Bühne tummelt sich ein siebenköpfiges Ensemble in satten 27 Rollen zwischen weißen, verschieb- und verknotbaren Fadenvorhängen, auf die Nelle mit Lichtprojektionen Bäume, Farn- und Blattmuster projiziert. Sonst gibt es nur einige, teils flotte Kostümwechsel hinter den Kulissen und Shakespeares überbordende, witzige Sprache in der modernen Übersetzung von Jürgen Gosch, der 2005 mit einer blutbesudelten, ausschließlich mit nackten Männern besetzten Macbeth-Inszenierung Entrüstungsstürme erntete.
Bei Dieter Nelle geht es heiter und weitgehend friedlich zu, auch wenn Schirin Brendel als autoritärer Oberon und Stefan Maaß als Titania mit überlautem Brüllen ab und zu die Wände wackeln lassen. Dass hier Männer Frauen spielen und Frauen Männer, ist nicht weltbewegend subversiv, aber lustig. Shakespeare-Fans wissen, dass zu Lebzeiten des Dichters nur Männer Schauspieler werden durften, sich also in „Romeo und Julia“ zwei Knaben anschmachteten, einer davon in Röcken. Diese geschlechterübergreifende Inszenierungspraxis war den damaligen Anstandsregeln geschuldet, Nelle greift das im Zuge gegenwärtiger Geschlechterdebatten auf und spinnt die historische Praxis weiter, was wunderbar funktioniert. Schiefer Gesang trifft auf Lakritz-Schnecken Niedlich sind die Gibberish sprechenden, extrem schief singenden Waldgespenster Senfsamen (Hannah Jasna Hess), Bohnenblüte (Mariam Jincharadze) und Spinnweb (Christopher Wittkopp) und Gundi-Anna Schick als Lakritz-Schnecken kauender Puck, der dem armen Lysander (Wittkopp) mit einem rosa Gießkännchen Gift in die Augen träufelt. Als verzweifelt liebende Helena überzeugt Mariam Jincharadze und die Darbietung der Handwerker ist zum Schießen. Es wäre noch viel mehr zu sagen, aber in aller gebotenen Kürze noch der Rat: Hingehen!

StZ Plus, 06.10.2024