Die Stühle

Die Stühle

von Eugène Ionesco

Ein altes Ehepaar, das irgendwo, in einem Schrebergarten am Ende der Welt, sein einsames, skurriles Dasein fristet. Ein ausgemusterter Wohnwagen ist ihr Zuhause, eine Regentonne ihr Erholungsgebiet, und sonst ist ihnen nichts geblieben, als ihre Illusionen. Es könnte traurig sein und ist es auch. Doch ihre Illusionen sind so großartig und werden von den beiden mit so liebevollem Aufwand, spielerischer Leichtigkeit und improvisatorischem Überschwang in Szene gesetzt, daß es schon wieder tröstlich ist – und sei es nur für einen Augenblick des trügerischen Glücks.
Der Mann, ein kleiner Pförtner, hat angeblich als Summe seines Lebens der ganzen Menschheit etwas höchst Bedeutungsvolles mitzuteilen, weshalb ein Redner erwartet wird, der in seinem Namen sprechen soll. Zusammen mit seiner Frau, die ihn in allem eifrig unterstützt, bereitet er die Ankunft einer illustren Schar von Gästen vor, die Zeuge dieses Ereignisses sein werden, schleppt Stühle und immer mehr Stühle heran, um ihnen Platz zu bieten. Aber die Gäste, die von ihnen schließlich mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen werden, sind alle unsichtbar…
Diesen Klassiker des Absurden Theaters sehen sie bei uns in einer clownesken Interpretation durch zwei Künstler, die unserem Publikum aus Produktionen der Compagnia Dimitri noch in bester Erinnerung sein dürften: Ulrike Kinbach und Tina Speidel.

»Im Forum Theater spielen, nein: tänzeln Ulrike Kinbach und Tina Speidel in der Regie von Maarten Güppertz das alte Paar, das seine Gäste empfängt in einer Welt, in der Paris nur noch eine ferne Erinnerung ist und die Pyrenäen untergegangen sind. Günther Seywirth hat ihnen ein schönes Bühnenbild gebaut: grau angestaubt ein Wohnwagen mit Schornstein und einer Uhr, die den Ablauf der Zeit beschleunigt; eine Hochspannungsleitung, eine Blechtonne, ein Gartenzwerg. In dieser Inszenierung treffen Marcel Marceau und Tango auf Ionesco. Sie arbeitet mit pantomimischen Techniken und mit dem spezifischen Reiz des Tangos – der Musik ebenso wie des Tanzes.« Kultur, September/Oktober 10

»Die beiden Clownschauspielerinnen Ulrike Kinbach und Tina Speidel spielen mit großer Hingabe und ungehemmtem Körpereinsatz das steinalte Ehepaar, das eine skurrile, aber liebevolle Beziehung zueinander unterhält und im Lauf des Stücks eine Reihe von – für die Zuschauer allesamt unsichtbaren – Besuchern empfängt. Für die zunehmende Zahl der Gäste müssen ständig neue Sitzgelegenheiten herbeigeschafft werden, was Kinbach und Speidel zu einer grandiosen clownesken Sequenz gestalten: immer schneller schleppen die Clownsfrauen Klappstühle auf die Bühne, stoßen dabei regelmäßig zusammen oder stolpern über Stuhl- und eigene Beine.« StZ, 26.06.2010

»Mit irrwitzigen Posen und in immer rasanterem Tempo entwickeln Kinbach und Speidel beim Stühleaufstellen und Persönlichkeiten begrüßen eine absurde Choreografie. Der Mann fließt über vor Verzauberung gegenüber einer verflossenen Liebe, die Frau strafft ihren Ballonbusen und vollführt einen erotisch atemberaubenden Striptease, ohne sich zu entkleiden. Das ist überwältigende Komik, perfektes Körpertheater, herzerwärmende Clown-Performance, überzeugende Interpretation der beiden Absolventen der Compagnia Teatro Dimitri. Das Premierenpublikum versteht, daß die Welt keine Rettung braucht. Die leeren Stühle funktionieren als Metaphern für die Abwesenheit der Menschheit.« StN, 26.06.10