Programmheft „Die alte Frau und der Fluss“

Programmheft „Die alte Frau und der Fluss“

Das Forum Theater präsentiert als Uraufführung einen modernen arabischen Autor aus Kuwait / Irak: Ismail Fahd Ismail.

Seine Geschichte von der alten Frau und dem Fluss haben wir für das Theater adaptiert und es ist eine Geschichte, in der das Klima ebenso eine Rolle spielt wie der Krieg.

Aus dem Programmheft:

Wie in einem Brennglas erzählt Ismail mit den Mitteln des modernen Märchens die Geschichte einer menschengemachten Umweltvernichtung, die dank einer tatkräftigen Frau rückgängig gemacht wird. Ismail Fahd Ismail, geboren 1940, war ein Kuwaitischer Autor, der über 20 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten verfasste. Er starb 2018 kurz nach der Veröffentlichung seines letzten Romans „Die alte Frau und der Fluss“, der 2017 für den Internationalen Preis für arabische Literatur vorgeschlagen war. Ismail Fahd Ismail war ein großer Kenner und Liebhaber europäischer, vorzugsweise russischer Literatur. Es bewunderte Tolstoi und Dostojewski. Im Irak geboren wanderte er nach Kuwait aus und lebte zwischenzeitlich auf den Philippinen. Zunächst arbeitete er als Lehrer, bis er schließlich freier Schriftsteller wurde. Neben seinen Romanen verfasste er auch Drehbücher und Theaterstücke. „Die alte Frau und der Fluss“ ist ein modernes Märchen, das sich in ein realitätsnahes Gewand verpackt. Von einem befreundeten Journalisten wird Ismail Fahd Ismail 1988 nach Beendigung des Iran-Irak-Krieges angerufen und dazu eingeladen, sich das Gebiet um Sabiliyat anzuschauen, eine Stadt in der Nähe von Basra und nahe am Schatt al-Arab. Das ist der Geburtsort von Ismail. Während das Gelände überall verödet und welk daniederliegt, ist es unmittelbar um seinen Heimatort herum grün. Ismail geht dem Phänomen nach und stößt auf die Geschichte von Umm Kasim, der alten Frau – und dem Fluss.

Umm Kasim ist Anfang 50, sie hat fünf Kinder und zahlreiche Enkelkinder. Ihr Mann verstarb früh und erscheint ihr nach seinem Tod immer wieder, vorzugsweise dann, wenn sie in Not ist. Nachdem Umm Kasim während des Golfkrieges zwischen dem Iran und dem Irak aus ihrem Heimatort evakuiert wurde, stirbt ihr Mann. Nun will sie zusammen mit ihrem Esel Glückshuf zurück in die Heimat und die Knochen ihres Mannes begraben. Aber der Ort ist militärisches Sperrgebiet und liegt in unmittelbarer Nähe zum Schatt al-Arab. Der Schatt al-Arab ist ein mehr als 60 km langer Fluss, der sich aus Euphrat und Tigris speist, die zusammenkommen und sich dann in den Persischen Golf ergießen. Das Gebiet um den Schatt al-Arab ist sehr fruchtbar. Allerdings ist es stark abhängig vom Wasser des Schatt al-Arab, der die Flüsse und Kanäle, die von ihm abgehen, mit Wasser speist. Das irakische Militär hat diese Zuflüsse abgedämmt, aus Angst vor feindlichen Froschmännern, die immer wieder die irakischen Stellungen auskundschafteten. Der Krieg zwischen dem Iran und dem Irak, der zwischen 1980 und 1988 tobte, war weitgehend ein Stellungskrieg, vergleichbar mit der Westfront im ersten Weltkrieg. Ein Abnutzungskrieg mit wenig territorialen Gewinnen. Die Bevölkerung wurde aus dem umkämpften Gebiet evakuiert, die Landstriche verödeten. Das Gebiet in dem unsere Geschichte spielt, liegt hinter der Front. Granatenbeschuss ist hier an der Tagesordnung, aber keine unmittelbaren feindlichen Angriffe. Als Umm Kasim heimlich dort ankommt herrscht gerade Waffenstillstand wegen des bevorstehenden Nourouz-Festes, einem der höchsten Feiertage der Iraner.

Sie muß feststellen, dass das ehemals üppig bewachsene Dorf verödet und verdorrt in der sich ausbreitenden Wüste liegt. Ihr Mann erscheint ihr im Traum und gemeinsam beraten sie, wie sie der Dürre begegnen können – sehr zum Leidwesen der dort stationierten militärischen Einheit. In einer regenreichen Nacht reißt Umm Kasim die Dämme ein, die den Schatt alArab von seinen Seitenflüssen trennen und sorgt so für die Bewässerung der umliegenden Felder und Obsthaine. Die Soldaten trauen ihr kaum zu, dass sie die Dämme eingerissen haben könnte. Man gemahnt einen feindlichen Angriff. Aber da die Dämme wieder hergestellt werden, droht neuerliche Trockenheit und Umm Kasim muß einen anderen Weg finden, um für die Bewässerung zu sorgen. Nebenbei versorgt sie die Soldaten mit Essen, als die Einheit vom Nachschub abgeschnitten wird – und als ihr schließlich unbegrenzter Aufenthalt genehmigt wird, baut sie mitten im Kriegsgebiet Gemüse an und kümmert sich um die Dattelernte. In dieser Geschichte mischen sich realistische und märchenhafte Züge auf unnachahmliche Weise: Wie ungewöhnlich gut die Soldaten in dieser Geschichte sind – sie kümmern sich um Umm Kasim, sie sorgen sich um sie, sorgen für sie. Sie, die einzige Frau im Sperrgebiet der Armee. Sie, die einzige Frau im Kriegsgebiet, die mit ihrem toten Mann spricht, der sie jede Nacht besucht. Wie durch ein Wunder bleibt sie von den um sie herum einschlagenden Granaten verschont. Der kommandierende Offizier gibt ihr zehn Soldaten, um ein Feld umzupflügen. Der Soldat Dschasim darf ihr dabei helfen, die Granateneinschläge im Dorf wegzuräumen und die Schäden an Haus und Hof zu reparieren.

Im Gegenzug versorgt sie die Soldaten mit Verpflegung aus den Dorfbeständen und pflegt die Bäume und Sträucher. Klammheimlich schleicht sich das Märchen in die realistische Geschichte und gipfelt in einem ungewöhnlichen Akt. Dschasim möchte, dass sie seine Mutter wird. Er hat mit drei Jahren seine Familie verloren. Kaum hat sie ihn zu ihrem Sohn erwählt, verliert er bei einem Bombenangriff seine Hand. Wird sie ihn wiedersehen? Wird er aus dem Militärkrankenhaus zurückkehren? Die Uraufführung von der alten Frau und dem Fluss zeigt eine Geschichte, die an Jean Gionos „Der Mann, der Bäume pflanzte“ erinnert. Wie in Gionos Erzählung gewinnt der Eigensinn einer einfachen Person. Bei Giono ist es ein Schäfer, der in den Bergen Bäume pflanzt und so die Welt um sich herum verändert. Auch Gionos Held verwandelt die Ödnis in ein lebendiges Idyll – wie Umm Kasim.

Dieter Nelle

DIE ALTE FRAU UND DER FLUSS

Roman von Ismail Fahd Ismail
Übersetzung von Christine Battermann
Bühnenfassung* von Dieter Nelle
Regie: Dieter Nelle
Bühne und Kostüme: Stefan Morgenstern
Mit Schirin BrendelAxel BrauchIrfan KarsUdo Rau und Christopher Wittkopp

Uraufführung am 24.02.2022