Rückkehr nach Haifa

Rückkehr nach Haifa

von Ilan Hatsor

Morris Barnea und seine Frau Amalia, beide Akademiker an der Universität Haifa, sind Gastgeber für einen amerikanischen Kollegen, der zu Forschungszwecken in Israel ist. Amalias Vater stammt aus Polen, die Mutter aus dem Irak. Amalia und Morris gehören der Linken in Israel an. Sie sind für Frieden, für die Lösung des palästinensischen Problems – und dementsprechend erziehen sie auch ihre Kinder.
Das Haus, in dem sie leben, ist seit zwei Generationen das Haus der Familie Barnea. Doch früher lebte im zweiten Stock eine arabische Familie, die im Krieg fliehen musste. Alles läuft gut – bis die Barneas erfahren, dass ihr amerikanischer Gast in eben diesem Haus geboren wurde. Er ist der jüngste Sohn der vertriebenen Familie Ablini.
Die Barneas fürchten, dass Ablini das Haus zurück haben will. Ablini fühlt sich missverstanden; er will nichts, schon gar nicht das Haus. Er möchte aber, dass Amalia und Morris das Unrecht erkennen und beide bereit sind, die Ungerechtigkeit wenigstens moralisch wieder gut zu machen.
»Wenn die polnische Regierung alles, was meiner Familie väterlicherseits gehörte, zurückgibt, und die irakische Regierung ebenfalls alles, was meiner Familie mütterlicherseits gehörte, zurück gibt – dann, und nur dann bin ich bereit, über Ungerechtigkeit zu diskutieren,« sagt Amalia.
»Kann man eine alte Ungerechtigkeit wiedergutmachen, in dem man eine neue Ungerechtigkeit in die Welt setzt?«, antwortet ihr Sohn. Wessen Ungerechtigkeit? Die gegen die Juden? Und was ist die neue? Gegen die Palästinenser? Oder eine ganz neue Ungerechtigkeit, wenn die Familie Barnea das Haus verlassen muss?
Das Stück legt einen Finger auf den empfindlichsten Nerv der israelischen Gesellschaft. Darf man überhaupt, nach dem Holocaust, das Recht der Juden auf das Land Israels anzweifeln? Fragen nach ›historischen Rechten‹ sind plötzlich nicht so eindeutig zu beantworten.Wann fangen diese ›Rechte‹ an? Vor 2000 Jahren? Vor 200? Oder erst vor 100 Jahren? All diese Fragen tauchen plötzlich auf – und allen ist klar, dass die Probleme der Vergangenheit längst die Probleme der Zukunft sind.

»Mein Haus ist dein Haus
Uraufführung im Forum-Theater

Am liebsten ist der Besuch, der bald wieder geht – behauptet eine Redensart. Was aber, wenn er seinen Gastgebern etwas zurücklässt? Ein Problem, das unlösbar scheint? So ergeht es jedenfalls der Familie Barnea in ›Rückkehr nach Haifa‹. Das jüngste Stück des erfolgreichen israelischen Dramatikers Ilan Hatsor (›Die Vermummten‹) erlebte am Donnerstagabend seine Welturaufführung im Forum-Theater, »weil die großen israelischen Theater es seiner politischen Brisanz wegen bisher ablehnten«, so der Autor.
Moris Barnea (Manuel Jendry) und seine Frau Amalia (Barbara Stoll), beide erfolgreiche israelische Akademiker mit linker Gesinnung, und ihr erwachsener Sohn (Wilhelm Prainsack) bekommen Besuch von einem amerikanischen Wissenschaftler (Maarten Güppertz). Bei dieser Gelegenheit stellt sich nicht nur heraus, dass die Ehe des Gastgeberpaars einen Knacks hat, sondern auch, dass der vermeintliche Amerikaner in Wirklichkeit ein Sohn jener vertriebenen arabischen Familie ist, in deren Besitz das Haus der Barneas ursprünglich war. Das Misstrauen gegen ihn droht, die Gastfreundschaft zu überwuchern. Yaron Goldstein, der mit Daniel Klumpp das Stück aus dem Hebräischen übersetzt hat, akzentuiert in seiner Inszenierung, für die er auch Bühnenbild und Musik besorgte, das kammerspielartige von Hatsors Stück. Er lässt die Figuren zwischen Designercouch und großbürgerlichen Esstisch der Barneas aufeinander treffen und projiziert in den Hintergrund immer wieder ein Fenster mit Blick auf einen Hafen – Ort von Flucht und Aufbruch. Vor allem aber setzt er auf sein überzeugendes Ensemble: auf Manuel Jendry als verängstigt-zornigen Hausherrn, Barbara Stoll als dessen arbeitswütige, politisch bewegte Gattin, Wilhelm Prainsack als stürmischen Jugendlichen und natürlich auf Maarten Güppertz, den freundlichen, schwer einschätzbaren ›Eindringling‹, der stets betont, er wolle das Haus nicht zurück, sondern nur die Anerkennung seines Anrechts. Zuweilen wird der politische Inhalt des ansonsten psychologisch interessanten Stücks ein wenig schulmeisterisch referiert. Das machen jedoch die vor Ironie sprühenden innerfamiliären Wortwechsel wieder wett. Zudem wird mit Leichtigkeit und Ernst zugleich das Rückkehrrecht für nach der israelischen Staatsgründung 1948 geflüchtete Araber thematisiert – und ein Bündel grundsätzlicher Fragen aufgeworfen: Was ist Besitz? Gibt es ›historische Rechte‹? Wo beginnen Verdrängung und Verleugnung? StZ, 3.3.2007

»Goldstein inszeniert ›Rückkehr nach Haifa‹ im Forum Theater
Keine Versöhnung möglich

Persönlicher Autismus als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln: Gegen diese israelische Wahrnehmung hat Ilan Hatsor ein Theaterstück geschrieben. Doch auch die Protagonisten seines theatralen Versöhnungsangebotes scheitern.
Es gibt keinen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Moris, Professor mit Karriereknick, hat seinen amerikanischen Kollegen Ablini nicht ohne Hintergedanken nach Haifa eingeladen. Kann er ihm zum Sprung an die Universität Yale behilflich sein? Doch der als Willkommen gedachte Gruß des Hausherrn gerät zum Orakel. Ablini ist Palästinenser und wurde in den Mauern des Gastgebers geboren. Seine Rückkehr nach Haifa dient allein einem Zweck: Von den Israeli ein Anrecht auf Rückkehr in den zweiten Stock des Hauses zu erbitten. Den alten Schlüssel »zum Öffnen einer echten Tür und nicht zu einer schmerzhaften Erinnerung« hat das einstige Flüchtlingskind Ablini für seine Kinder aufbewahrt. Diese schöne Geschichte – in der auf einer zweiten Ebene die Familie als Schauplatz persönlicher Emanzipationskriege wie ein Spiegelbild der großen Politik eingewoben ist – wird in ihrer deutschen Erstaufführung im Forum Theater (Inszenierung: Yaron Goldstein) mit intellektueller Logik unterhaltsam und temperamentvoll erzählt.
Man ist gern zu Gast beim larmoyanten Moris (Manuel Jendry) und seiner schnittigen Ehefrau Amalia (Barbara Stoll), die als linke Demokraten im optisch wie akustisch orientalisch inspirierten Bühnenambiente zunächst politisch korrekt, aber selten mit einer Stimme argumentieren. Ihr pazifistisch gestimmter Sohn (Wilhelm Prainsack) übernimmt die Rolle des Katalysators. Als Kunstfigur begegnet uns Ablini (Maarten Güppertz). Hatsor zeichnet ihn als Typus des europäischen Aufklärers – solidarisches Angebot des Israeli zum Versöhnungsgedanken? Wirklich versöhnt aber wird hier nichts und niemand: In egoistisch gefärbter, aber traditionell zionistischer Wahrnehmung schlagen Moris und Amalia das Friedensangebot aus. Der Bogen vom Theater zur Realpolitik ist geschlagen. StN, 3.3.2007

Sie können dieses Stück auch gerne als Gastspiel buchen, genaue Konditionen unter
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