Faust-Elemente

Faust-Elemente

von Johann Wolfgang von Goethe

»Dass ich erkenne, was die Welt / im Innersten zusammenhält« – dieser Satz aus Goethes ›Faust‹ dürfte vielen bekannt sein. Aber nur wenige wissen, wie es weitergeht: »Schau alle Wirkenskraft und Samen / und tu nicht mehr in Worten kramen«. Denn Fausts Erkenntnisdrang hat ein bestimmtes Ziel: die ›Quellen allen Lebens‹. Und das Problem, keinen Zugang zum Leben zu haben, ist nicht bloß das eines alternden Mannes, der in seiner Gelehrtenstube eingesponnen ist. Es ist – noch immer – das Problem der Wissenschaft, deren Weltbild an toten Dingen geschult wurde und die deswegen nur die materiellen Teile beschreiben kann, aus denen ein lebendiges Wesen zusammengesetzt ist, der aber das ›geistige Band‹ fehlt. Deshalb wirkt die moderne Technik, welche von ihr hervorgebracht wurde, so tödlich. Und deshalb ist die Suche nach den ›Quellen allen Lebens‹, nach dem, was das Lebendige lebendig macht, und einem Denken, das dies zu begreifen vermag, heute ein Menschheitsproblem.
Das ist die Schneise, die wir durch Goethes ›Faust‹ schlagen wollen, der Gesichtspunkt, nach dem wir Szenen aus dem ersten und dem zweiten Teil ausgewählt und zusammengestellt haben – als Elemente eines neuen Ganzen. Dabei erscheinen Gretchens Tod im ersten und Helenas Neugeburt im zweiten Teil als Stationen ein und desselben Weges: als Scheitern und Gelingen des Versuchs, sich mit dem Leben zu verbinden.

»Wenn ein großes Theater ›Faust I + II‹ an einem Abend spielt, gilt das als Herausforderung und die Medien begleiten das Unternehmen schon im Vorfeld. Wenn ein kleines Theater die beiden Teile von ›Faust‹ an einem Abend auf die Bühne bringt, ist das ein halsbrecherisches Wagnis, wird aber von den Medien kaum bemerkt; auch im Kulturbetrieb folgen sie den Gesetzen des Marktes. Die (materiellen) Investitionen bestimmen die Bedeutung.
Bei Nicolas Stemann dauerte ›Faust I + II‹ fast neun, bei Peter Stein sogar einundzwanzig Stunden. Das Stuttgarter Forum Theater kommt in seiner Koproduktion mit der TheaterBurg Roßlau mit vier Stunden aus. Um dem Vorwurf der Fragmentarisierung, vor allem des zweiten Teils, zu begegnen, nennt das Ensemble seinen Abend ›Faust-Elemente‹, und der Titel trifft ins Schwarze. Denn ›Faust‹ ist, jedenfalls in Deutschland, nicht ein Drama wie jedes andere. Wer Goethes Hauptwerk inszeniert, inszeniert zugleich zweihundert Jahre Bildungsgeschichte.
Die Regie von Jobst Langhans zeichnet sich durch Respekt vor diesem Text aus. Sie nimmt ihn ernst, ohne vor ihm in die Knie zu gehen. Dass uns Heutigen Mephistos scheinbar zynische, in Wahrheit realistische Weltsicht näher ist als Fausts schwärmerischer Idealismus oder gar Gretchens Frömmigkeit, kann sie freilich nicht verhindern. Sie verzichtet auf jeglichen Firlefanz, spart mit Masken und Kostümen, folgt der ja übersichtlichen Handlung des ersten Teils und pickt sich einzelne ›Elemente‹ des komplizierteren zweiten Teils heraus. Aber das Ergebnis ist stimmig; weit mehr als eine Anthologie, die sich in einem Steinbruch bedient.« Kultur, November 13

»In der Brust des deutschen Sinnsucher-Helden Faust sind bekanntlich zwei Seelen beheimatet. Jetzt treten in der Faust-Inszenierung des Forum Theaters zwei Faust-Darsteller auf. Funktioniert das? Durchaus. Ulrich Meyer-Horsch spielt den Doktor Faust als spröden, schüchternen Mann, und Ismael Volk gibt Faust lässig-selbstbewusst. Der Faust Volks turtelt mit Gretchen im Garten, der Faust Meyer-Horschs schaut der Anmache im Hintergrund mit grüblerischer Miene zu. Der Regisseur Jobst Langhans und sein Dramaturg Claudius Weise haben das gewaltige Drama einschließlich des zweiten Teils auf vier Stunden eingedampft. […]
Die Inszenierung von Jobst Langhans […] ist nicht konventionell, aber auch nicht radikal. Sie ist reduziert, ohne grelle Effekte, nah am Text. Und doch ist sie modern, eigenständig, ohne falsche Ehrfurcht vor einem heiligen Klassiker. Nicht nur Faust, auch Mephisto ist zweigeteilt. Julian Meyer-Radkau, der überragende Darsteller der Inszenierung, spielt den Mephisto I wunderbar vergnüglich wie einen Autohändler oder Immobilien-Makler. Und die teuflisch hinkende Sarah Kühl als Mephisto II beweist mit ihrer krächzig-schrägen Stimme, dass Goethes Text ganz zeitlos ist.
Sehr bewegend spielt Meike Frevel das Gretchen im Kerker, und Anton Korppi-Tommola ist ein witziger Akteur in diversen Rollen. Der gewaltige zweite Teil des ›Faust‹ wird erheblich eingedampft. Faust versucht sich an einer weiteren Frau, Helena. Ganz schön zeigt das Stück, wie lächerlich er auch ist. Jobst Langhans’ Inszenierung gelingt eine Mixtur von solider Ernsthaftigkeit und kluger Komik.« StZ, 07.10.13

»Insgesamt überzeugt das Spiel der sechs Darsteller. Besonders beeindruckt Sarah Kühl als Mephistos Alter Ego. Eine gefährliche Opportunistin mit krächzendem Schlampenton, die es versteht, blitzschnell von der Subalternenhaltung in den Tonfall der gnadenlosen Diktatorin zu wechseln – eine bemerkenswerte darstellerische Leistung.« StN, 07.10.13