Die Stierkämpfer

Die Stierkämpfer

von  Jean-Marie Piemme

Deutschsprachige Erstaufführung

Übersetzung: Almut Lindner

Mit Stefan Müller-Doriat und Michael Ransburg 

Einrichtung: Ensemble

Bühne und Kostüme: Gesine Mahr und Marie Freihofer

Premiere am 02. Dezember 2021

Ferdinand, ein Obdachloser, der einst bessere Tage gesehen hat, betritt einen Waschsalon, um seine einzige Hose waschen zu lassen. Er trifft auf Momo, den Angestellten des Salons. Auch der ist nicht auf Rosen gebettet und hat seine Schlafstatt in seiner Arbeitsstelle aufgeschlagen.

Beide lieben das Gespräch und es entwickelt sich ein Dialog über die Unzulänglichkeiten der Gesellschaft, in der sie leben. Die gemeinsame Freude, in geschliffenen, pointierten, bissigen und humorvollen Sätzen zu parlieren, motiviert Momo, Ferdinand zu einer Wohngemeinschaft einzuladen.
Ein unterhaltsames Leben beginnt, das nach einiger Zeit eine herbe Veränderung erfährt …

»Die Stierkämpfer« ist ein Dialog-Stück mit Esprit und Witz und einem sehr ernsten Hintergrund: Wer behält am Ende seine Arbeit und wie lange?

Aufführungsrechte DREI MASKEN VERLAG München

Dreckige Wäsche des Kapitalismus

 Von Sabine Fischer

Stuttgarter Zeitung, Nachrichten 03.12.2021

Nichts ist’s mit Cocktails unter Palmen: Statt für den Traumstrand hat es in Momos (Stefan Müller-Doriat) Leben gerade einmal für eine Fototapete gereicht. Vor diesem Karibik-Wandbild wuchtet er in einem Waschsalon täglich Wäscheberge fremder Menschen hin und her. Nach Feierabend verkriecht er sich illegal in die Abstellkammer des Ladens und wartet auf den nächsten Tag. Momo lebt irgendwo am unteren Ende der spätkapitalistischen Nahrungskette – infrage stellt er diese Position allerdings erst, als der Obdachlose Ferdinand (Michael Ransburg) im Salon auftaucht. Zwischen den beiden entwickelt sich eine sprühende und letztlich verhängnisvolle Freundschaft.

Bitterernster Überlebenskampf

Anhand dieser Konstellation seziert „Die Stiefkämpfer“ des belgischen Autors Jean-Marie Piemme die Klassen- und Weltordnung des Kapitalismus. In der Inszenierung des Forum-Theaters, die am Donnerstag Premiere feierte, kommt diese Auseinandersetzung mit Klasse, Intellekt und Wertvorstellungen gekonnt zum Ausdruck. Das liegt vor allem an einer geschickt inszenierten Ambivalenz: Aus dem Waschsalon scheint es für die beiden kein Entkommen zu geben – ihr Kosmos beschränkt sich auf den Salon. Doch die Inszenierung wehrt sich erfolgreich gegen das Gefühl dystopischer Tristesse. Die Wortgefechte, die Momo und Ferdinand austragen, wirken fröhlich. Wenn sie über den desolaten Zustand der Welt, über Aktienmärkte und Abhängigkeiten streiten, tun sie es voller Esprit und Freude. Umso verstörender wirkt die ignorierte Realität: Aus dem intellektuellen Schlagabtausch wird ein bitterernster Überlebenskampf, bei dem einer der beiden auf der Strecke bleiben muss.