Die Arabische Nacht

Die Arabische Nacht

von Roland Schimmelpfennig

Ein heißer Sommerabend irgendwo in Deutschland. In einem ganz normalen Wohnhausblock scheint oberhalb des siebten Stocks das Wasser spurlos zu verschwinden. Man kann es in den Wänden rauschen hören – aber wo fließt es hin?
Hausmeister Lomeier macht sich auf die Suche. Dabei kreuzt sich sein Weg mit dem von Hausbewohnern, Besuchern und Nachbarn, die allesamt von einem merkwürdigen Sog ergriffen werden, der ihre Schicksale zusehends miteinander verwebt. Da ist die junge Fatima Mansur, die den allabendlichen Besuch ihres Geliebten Kalil erwartet; ihre Mitbewohnerin Franziska Dehke, die jeden Tag bei Sonnenuntergang in einen Schlaf des Vergessens fällt; und Peter Karpati, der von einem anderen Block aus Franziska durch ein Fenster sieht und fasziniert beschließt, sie sofort aufzusuchen. Und während alle diese Wege sich zu rätselhaften Arabesken ineinanderschlingen, verschwimmen immer mehr die Grenzen von Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart – und der banale deutsche Alltag wird zur orientalischen Märchennacht.
Dieses ebenso poetische wie intelligente Stück kreist um das alte Thema von Verdammnis und Erlösung und ist seit seiner Uraufführung im Jahre 2001 auf dem besten Weg, ein Klassiker des zeitgenössischen Theaters zu werden.

»Fast genau elf Jahre ist es her, daß Roland Schimmelpfennigs Stück am Staatsschauspiel uraufgeführt wurde und einen bleibenden Eindruck hinterließ. Nun kehrt das Stück also in die Stadt zurück – und längst ist Schimmelpfennig der meistgespielte moderne Dramatiker und das Stück hat Dutzende von Inszenierungen erlebt.
Beatrice Scharmann geht das Stück um Menschen, die in einem Hochhaus leben und deren Wege sich teils bewußt, teils zufällig kreuzen, sehr pragmatisch an. Auf einer Bühne von Michael Zimmermann mit transparenten Wänden bewegen sich die fünf Menschen, um die sich die Aufführung dreht, sicher und auch wieder verwirrend. Es gelingt, die Beiläufigkeit der Vorlage, die vermeintliche Normalität gut zu zeigen. Und so entwickelt sich in der Hitze dieser Großstadtnacht ein Spiel, das manches vom Shakespeare’schen Mittsommernachtstraum hat.
Nein, keine Elfen und kein Puck geistern durch diese Nacht, vielmehr Menschen in ihrer Einsamkeit unter so vielen anderen. Und zwischen Tag und Traum, zwischen verlorenem Leben und Albtraum erleben sie teils sehr banale, teils gar wundersame Dinge. Es macht die Qualität dieser Auführung aus, daß es gelingt, aus Schimmelpfennigs manchmal eher fragmenthaftem Text ein nachvollziehbares Stück zu machen, das trotz aller bewußten Zerfledderung am Ende als Ganzes dasteht. Das gelingt durch akribische Arbeit am Text und durch präzise arbeitende Schauspieler.
Dabei muß erwähnt werden, daß das kleine Forum Theater einen echten Star an Land gezogen hat, einen Charakterdarsteller, der sich hervorragend in das Ensemble einfügt. Als Hausmeister Hans Lomeier, der auf der Suche, wo das Wasser oberhalb des siebten Stocks bleibt, so etwas wie der Verknüpfungs- und Ankerpunkt der Schicksale wird, überzeugt Rudolf Krause. Er ist aus dem Fernsehen bekannt als Assistent André Langner in den Senta Berger-Krimis ›Unter Verdacht‹. Aber auch Sophia Riepe und Meike Frevel sorgen mit dafür, daß dieser Abend die Hitze der Sommernacht auch im kalten Stuttgarter Winter hervorragend widerspiegelt.« Ludwigsburger Kreiszeitung, 14.01.12

»Es ist ein eigenwilliger Tag, den Roland Schimmelpfennig in seinem Stück ›Die Arabische Nacht‹ beschrieben hat, ein Tag, an dem die Hitze den Geist verwirrt. Kalil bleibt im Aufzug stecken. Peter will die Frau kennenlernen, der er gegenüber im Fenster beim Duschen zugeschaut hat. Fatima sucht Kalil, sperrt sich aber aus. Alle scheinen sich an diesem Tag immer haarscharf zu verpassen. Das Forum Theater spielt nun ›Die Arabische Nacht‹, die eine der besten Komödien unserer Tage ist, weil Roland Schimmelpfennig so raffiniert die simultanen Ereignisse in dem Hochhaus gegeneinander schneidet, weil sich Dinge hier und dort zu wiederholen scheinen – und am Ende die Ratio gänzlich auf der Strecke bleibt.« Kultur, März 12

»Es dauert etwas, bis das Spiel in Fahrt kommt, die fünf Schauspieler sprechen fünf Monologe, die kunstvoll miteinander verzahnt sind. Da sie ihr Tun selbst erwähnen (›Ich gehe zum Fenster, ich mache die Tür auf‹) können sie sich die Handlungen selbst sparen. So agieren sie in einem Raum, in dem sich nur einige transparente Stellwände befinden, vor allem unter akustischen Aspekten. Denn immer wieder verdichten sich Sprechaktionen oder laufen Assoziationsketten über mehrere Stationen. Das haben die Akteure sehr fein entwickelt.« StN, 16.01.12

»Selbst wenn die Regie vor allem beweisen will, wie findig sie ist und wie originell sie das eigentlich Unspielbare in Szene zu setzen vermag, kommt letztlich doch ein amüsanter Abend heraus. Das Konzept, den Text szenisch zu illustrieren, ist nicht sehr raffiniert, auch schauspielerisch ist der Abend eher solide als brillant, aber Schimmelpfennigs Reise zwischen Orient und Okzident, zwischen Dreizimmerwohnung und arabischem Basar, die mit Liebe, Leidenschaft und Mord garniert wurde, ist hin- wie mitreißend – und absolut sehenswert.« StZ, 14.01.12